Alexander Tschäppät
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Im urbanen Raum haben Velo und E-Bike ein grosses Potenzial

Die urbane Mobilität muss sich dem Lebensraum in den Städten anpassen, nicht umgekehrt

Diese Vision sei nicht ein fiktives Bild der fernen Zukunft, diese Vision werde schon heute geplant und sukzessive realisiert. Alexander Tschäppät, Stadpräsident von Bern, sieht die Entwicklung der Mobilität in Städten pragmatisch, man müsse die Planung allerdings weitsichtig vornehmen und schliesslich mutig, aber behutsam umsetzen. Ballungszentren hätten sich stark verändert. Früher hätten sie aus gemischten Quartieren bestanden, aus Wohnraum sowie Gewerbe- und Industriezonen. Heute bestünden Städte vor
allem aus Lebensraum mit Wohnungen und Erholungsoasen, sozialer Infrastruktur und kulturellen Begegnunszentren sowie Shopping Malls. In diesem Entwicklungsprozess hätten sich die Bedürfnisse des Waren- und Personentransportes stark verändert und das Auto würde sukzessive durch andere Verkehrsmittel abgelöst. Dabei sei der Schadstoffausstoss der Autos gar kein Thema mehr, die Autos würden immer sauberer, künftig würden sie gar schadstofffrei fahren. Das Problem sei schlicht der Platz, der sei mit einer dafür notwendigen Infrastruktur gar nicht mehr vorhanden. Das Auto sei darum künftig keine Alternative mehr für den individuellen Verkehr in den Innenstädten, das Auto bliebe draussen an der Peripherie an Park+Ride- Umsteigeplätzen.

Mobilität im urbanen Raum brauche eine funktionierende Infrastruktur ...

Gefordert seien nicht nur Städteplaner - für eine funktionierende Mobilität im urbanen Raum benötige es ebenso ein Zusammenspiel der Politik und der Bürger sowie der Wirtschaft. Die primäre Aufgabe einer Stadt bestehe in der Sicherstellung eines funktionierenden ÖV. Dazu gehöre eine intelligente Planung der Infrastruktur, eine effiziente Streckenführung und komfortables Rollmaterial. Schliesslich dürfe auch die Planung der Feinverteilung für den individuellen Verkehr nicht fehlen: die Infrastruktur und attraktive Strassen- und Wegführung für den Langsamverkehr.

... und ein Umdenken

Die Zukunft der urbanen Mobilität bringe eine Entschleunigung mit sich. Hektik und sinnlose Hast würden vermieden. Der Lebensraum in den Innenstädtenwerde zu einer stressfreien Zone. Eine durchdachte und gut geplante Infrastruktur biete in einer bequemen Gehdistanz von drei Minuten komfortablen Anschluss an den ÖV, der wiederum in beliebig wählbaren Varianten die schnellste Verbindung von A nach B gewährleiste. Für die individuelle Mobilität stehe zudem eine attraktive Infrastruktur zur Verfügung,
die dem Langsamverkehr zugedacht sei. Dazu gehören das klassische Velo, das neuzeitliche und attraktive E-Bike oder für den Kürzestverkehr moderne Trottinettes oder etwa ein luxuriöser Segway. Diesbezüglich sei vor allem bei der jungen Generation ein Umdenken oder Umgewöhnen gewisser Gepflogenheiten angebracht. Denn gerade bei der jungen Generation beobachte man, dass diese auf ein individuelles Nahverkehrsmittel gerne verzichte und sogar allfällige Wartezeiten oder eine etwas längere Fahrdauer mit dem ÖV vorziehe. Für sie sei ein möglicher Zeitgewinn irrelevant, respektive kein Verlust, weil sie diese Zeit mit ihren mobilen Kommunikationsmitteln verbringen würde, dem Surfen auf dem Mobile und der Kontaktpflege über Social Media.

Bern: 140'000 Einwohner, 100'000 Velos und E-Bikes

Im individuellen Nahverkehr spiele das Velo die Hauptrolle. Es sei nicht nur effizient, praktisch und günstig, es sei auch in verschiedensten Versionen erhältlich, vom Faltrad über das Mountainbike bis zur eleganten oder sportlichen Strassenversion - und als E-Bike. Allein in der Stadt Bern gäbe es laut Statistik auf 140'000 Einwohner 100'000 Velos.


Im urbanen Raum seien künftig taugliche und attraktive Modelle für den Pendlerverkehr gefragt, vor allem E-Bikes. E-Bikes seien in der urbanen Mobilität Teil des Systems geworden, heute allerdings noch sehr teuer. Da seien die Hersteller gefordert. Für das Pendeln brauche es keine Luxusvariante, gefragt sei dafür eine einfache und zuverlässige Technologie ohne überflüssiges Drumherum. Sicher müsse es sein, eine ansprechende Leistung und genügend Reichweite haben - und es solle auch noch gut aussehen. Im urbanen Bereich habe die Elektromobilität, besonders das E-Bike, ein enormes Marktpotenzial.

Die Entschleunigung müsse so attraktiv sein, dass sie zur Selbstverständlichkeit wird

Mit Geboten und Verboten, Hindernissen und Zwängen erreiche man nichts. Das Thema Mobilität sei in dieser Hinsicht besonders heikel. In unserer Gesellschaft sei Mobilität gleichbedeutend mit Freiheit - und diese Freiheit wolle sich niemand nehmen lassen. Die Planung der urbanen Mobilität solle darum attraktiv sein und müsse in jeder Hinsicht funktionieren. Dazu gehöre auch die reibungslose Einbindung von Zubringerdiensten für den Güter- und Geschäftsverkehr. Es gebe bereits sehr effiziente Modelle, die es auf die individuellen Gegebenheiten und Bedürfnisse einer Stadt zu adaptieren gelte. Möglich sein müsse schliesslich immer alles.

 

Text: Thomas Gysin, Zürich
Bilder: zVg, Stromer

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