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Ein Gespräch mit Christof Bigler, Designer des Stromers ST2

Wenn etwas ohne Erklärung funktioniert, ist es gutes Design – und wenn es auch noch gut aussieht, ist es sehr gutes Design

Seine Geheimnisse behält er für sich, das war von Anfang an klar vereinbart, und er gewährte auch keinen Einblick in sein schwarzes Moleskine, Format 19x25 cm, das Gummiband blieb dran, den Stift dazu, den er bei sich hatte, liess er ruhen. Ach ja, der Stift: ein Allerwelts-BIC! Und damit macht man gutes Design? Design sei Denkarbeit, sagt Christof Bigler, der Stift nur Hilfsmittel, um Gedanken erstmals auf Papier zu bringen. Der BIC sei dafür schlicht praktisch und er funktioniere immer und überall, er habe sogar Weltgeschichte geschrieben: Mit dem gleichen BIC hatte Michail Sergejewitsch Gorbatschow wichtige Staatsverträge unterzeichnet und den kalten Krieg beendet.

Um gutes Design zu erkennen, müsse man nur hinsehen. Gut empfinde man es allein deshalb, weil es dafür keine Erklärung brauche, die Formen und Farben würden als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Das fange schon bei den einfachsten Dingen an. Wenn man zum Beispiel bei Tisch sitze, Gabel und Messer in die Hand nähme, und es funktioniere alles wie von selbst, die Spaghetti liessen sich blindlings aufwickeln, das Fleisch ohne Murks schneiden, dann fasse man das vielleicht als völlig normal auf, man erkenne dabei nichts Ungewöhnliches. In Wirklichkeit hätten dann Gabel und Messer ein gutes Design. Wenn sie schliesslich auch noch im Detail in Form, Farbe und Material harmonieren, machen sie Freude, dann würden sie zu begehrenswerten Werkzeugen im Alltag.

Design wird nicht am Computer gemacht, Design entsteht im Kopf

Es sei völlig falsch, zu denken, Designer leben in einer eigenen, einer abgehobenen Welt. Gutes Design entstehe im Alltag, und das funktioniere nur, wenn man im Leben mit beiden Füssen auf dem Boden stehe und immerzu neugierig sei. Man müsse alles, was um einen herum passiere, mit allen Sinnen wahrnehmen können. Das heisse auch, bei vermeintlich langweiligen Details genau hinzusehen, erleben, wie sich etwas entwickle, verändere oder durch Neues ersetzt würde. Nur durch das Erkennen solcher Details-, erlebe man Sinn und Zweck einer Sache, entdecke neue Möglichkeiten. Details vielleicht, die in einer Sache Grosses zu verändern vermögen. Das könne nicht am Computer entstehen, das passiere im Kopf, vielleicht hundert Mal, vielleicht noch mehr, erst danach könne man den Computer mit den Parametern füttern, die man zur Lösung der Aufgabe brauche. 

Detail Skizze - STROMER ST2 - Christof Bigler
Detail Skizze - STROMER ST2 - Christof Bigler

Klar, sie seien wichtig, die Meetings mit Ingenieuren und Marketingstrategen, die Ingenieure zeigen die Grenzen auf, die physikalischen zum Beispiel, die Marketingstrategen drehen mitunter am Geldhahn und damit an Ressourcen und Zeit. Das muss man zuerst verstehen. Um Neues zu erschaffen, müsse man allerdings bei null anfangen, sich von allen Vorgaben und Einschränkungen lösen und sich nur mit dem Ziel vor Augen an die Aufgabe herandenken. Sukzessive und vorsichtig, aber bestimmt. Dabei mache man Grenzerfahrungen, und zwar ohne Limit. Das passiere zuerst im Kopf, dann 1:1 auf Papier, später am Rechner und schliesslich im Bauch. Ja, im Bauch! Das Bauchgefühl sei enorm wichtig, für das Ausloten der Grenzen zwischen Lust und Vernunft, Effizienz und Sicherheit, Schönheit und Realisierbarkeit. Erst dann baue man die Vorgaben aus dem Meeting wieder vollständig ein. Dabei werde eine möglicherweise total verrückte Lösung eine etwas weniger verrückte, aber sie bliebe immer noch verrückt! Verrückt im Sinne von gut, vielleicht sogar sehr gut.

Der Lamborghini Aventador sei ein Supersportwagen, der das im Design zeigen soll. Bei ihm komme das besonders gut zur Geltung, er verstecke seine gewaltige Power nicht, das Design unterstreiche die Aggressivität, und wenn dazu noch die entsprechende Farb

Es gibt Design, das überrascht, solches, das polarisiert und Design, das schlichtweg schön ist

Es gebe nicht nur das Design. Christof Bigler ordnet Design in die Aufgaben ein, die es zu erfüllen hat. Ein Werkzeug wie eine Bohrmaschine müsse ergonomisch so gut in der Hand liegen, dass man damit präzise arbeiten könne, ein Schuh dürfe nicht nur ein gut aussehendes Accessoire sein, er müsse Komfort bieten, das Laufen mit geringstem Kraftaufwand ermöglichen und orthopädisch funktional gebaut sein. Ganz anders müsse man Design bei einem Auto bewerten.

Der Lamborghini Aventador
Der Lamborghini Aventador sei ein Supersportwagen, der das im Design zeigen soll. Bei ihm komme das besonders gut zur Geltung, er verstecke seine gewaltige Power nicht, das Design unterstreiche die Aggressivität, und wenn dazu noch die entsprechende Farbe, zum Beispiel Orange, ins Spiel komme, sei dies perfekt.

In der Architektur habe Design nochmals eine ganz andere Aufgabe. Architektur müsse ästhetisch sein, mit der Umgebung gleichsam harmonieren und Akzente setzen, Statik und Nutzen müssen funktional sein, man solle sich in einem Gebäude gerne aufhalten können und von Aussen müsse es so schön sein, dass es ewig in Erinnerung bleibe. Der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer ist für Christof Bigler das beste Beispiel dafür, Niemeyer habe das 20. Jahrhundert geprägt, er ging mit seinen kühnen und unkonventionellen Entwürfen als wichtigster Erneuerer der architektonischen Moderne in die Geschichte ein. 

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Kreativität braucht Freiräume und Ausgeglichenheit

An der Arbeit sei er mit sich selbst - dem Designer Bigler - fürchterlich pingelig. Anders sei es privat, da lebe er frei von Zwängen, geniesse als Christof die vielen Freiräume, sei es als Familienvater, mit seinen beiden Söhnen Fabio und Timo, als Bandmitglied in der Steelbandszene... er liebe Latin Jazz. Oder er mache sich den Kopf frei mit Sport, atme in der Natur tief durch oder freue sich einfach am Zusammensein mit Freunden. Freiräume seien in der Kreativität enorm wichtig. Nur ein ausgeglichener Geist vermöge an der Arbeit strenge Direktiven mit einem natürlichen Empfindungsvermögen zu vereinbaren und nach dem Lustprinzip wirklich Neues zu schaffen, gutes Design zum Beispiel. 

 

Text: Thomas Gysin, Zürich
Bilder: Micha Riechsteiner, Worb; Stromer

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